36C3 in Leipzig: Neue Website Hack_Curio will Hacker-Klischees brechen

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Im düsteren Schein von Monitoren sitzen Männer in Kapuzenpullis vor Tastaturen. Gehackt wird nämlich am liebsten im Dunkeln. Dazu laufen bevorzugt grüne Zahlenreihen durchs Bild. Oder auf dem Bildschirm steht der Spruch “Du bist gehackt worden” – obwohl der Angreifer doch selbst vor diesem Bildschirm sitzt.

So sehen typische Symbolbilder aus, die unter dem Schlagwort “Hacker” zu finden sind. Mancher Hacker würde in Anbetracht solch unrealistischer Darstellungen wohl am liebsten Fotodatenbanken wie Getty Images hacken – und dort zumindest die schlimmsten Symbolbilder löschen, die von da aus den Weg in die Presse finden, etwa dieses, dieses und dieses. Und diese hier.

Die öffentliche Debatte über Hacker ist immer noch geprägt von alten Klischees – vom nerdigen Computerfreak bis zum Superhelden. Donald Trump etwa sprach 2016 von jemandem, der auf seinem Bett sitzt und 180 Kilo wiegt. Vor gut einem Jahr standen einige Promidaten im Netz, schon schwadronierten deutsche Nachrichtenseiten von einem “Mega-Cyber-Angriff”, einem “Mega-Hack” oder dem “größten Hackerangriff Deutschlands”. Unaufgeregte Einblicke in die Welt der Hacker sind selten, egal ob es um IT-Sicherheitsforscher, um Kriminelle oder um Hacktivisten geht, die den politischen Diskurs beeinflussen wollen.

Bei Events wie dem heute eröffneten 36C3 in Leipzig, der Jahreskonferenz des Chaos Computer Club (CCC), bietet sich den rund 17.000 Teilnehmern zwar ein vielschichtiges Bild der Szene. Aufgrund der rigiden Fotoregeln vor Ort dringen von solchen Großveranstaltungen aber vor allem Bilder von Vorträgen und leuchtender Technik in riesigen Hallen nach außen. Nur wer selbst durch die Messehallen läuft, lernt die Menschen dort kennen – und merkt zum Beispiel, dass auch viele Frauen die Szene prägen. Die sieht man auf Hacker-Stockfotos allerdings selten.

Oft reicht schon ein Gespräch für banale Erkenntnisse, wie die, dass viele Hacker zu normalen Arbeitszeiten aktiv sind – also nicht notwendigerweise im Dunkeln sitzen. So achten etwa IT-Sicherheitsprofis, die einen Hack einer bestimmten Gruppe oder einem Staat zuschreiben wollen, oft auf die Zeitstempel im Schadcode. Passen die zu den Bürozeiten eines bestimmtes Landes, kann das als Indiz gewertet werden.

“Die Kultur des Hackens dekodieren”

Auch um solche Realitätschecks geht es auf “Hack_Curio”, einer neuen Website, die am Freitagabend auf dem 36C3 offiziell startet. Hinter dem Angebot, das die “Kulturen des Hackens dekodieren” und damit auch Laien verständlich machen will, steht ein achtköpfiges Team, darunter Anthropologie-Professorin Gabriella “Biella” Coleman, die sich seit vielen Jahren mit der Hackerszene beschäftigt, sowie ihre Mitstreiter Paula Bialski und Chris Kelty.

“Hack_Curio ist eine Website, eine Plattform oder ganz einfach ein Ort für alle, die neugierig auf Hacker sind”, schreibt das Trio dem SPIEGEL. Das Angebot solle die gängigen Stereotype zerschlagen oder zumindest durcheinanderbringen und über die kulturelle und politische Bedeutung des Hackens aufklären – auf humorvolle Art.

“Hack_Curio” setzt dafür vor allem auf Videoclips, die von Experten kurz eingeordnet werden. So geht es etwa um eine CNN-Sendung von 2014, in der von einem Hacker namens 4chan die Rede war – dabei ist 4chan keine Person, sondern ein Webforum (mehr dazu hier).

Doch es geht nicht nur um überforderte Medien, sondern auch um die Hacker selbst. So stellt “Hack_Curio” etwa die Chinesin Naomi Wu aus Shenzhen vor. Sie kämpft als “SexyCyborg” dafür, dass sich die Maker-Szene stärker Frauen öffnet.

Und die Macher der Seite scheuen sich auch nicht, eine Parodie wie den Clip “Hackerman’s Hacking Tutorials – How To Hack Time” als gelungen zu bezeichnen. Das Video wecke zwar Assoziationen zu Hackerdarstellungen in Hollywoodfilmen, heißt es. Diese würden jedoch bewusst überzeichnet.

Solchen unterhaltsamen Clips stehen Dokumente der Zeitgeschichte zur Seite, wie das berühmte Video “Collateral Murder”, das zeigt, wie US-Piloten in Bagdad Zivilisten erschießen. Ins Netz gestellt hatte es 2010 WikiLeaks, nachdem es den Enthüllern von Whistleblowerin Chelsea Manning zugespielt worden war.

Als russisches Pendant zu Trumps “180 Kilo”-Äußerung findet sich auf “Hack_Curio” ein Interviewschnipsel von Wladimir Putin, in dem der russische Präsident Hacker mit Künstlern vergleicht, “die morgens gut gelaunt aufwachen und zu malen beginnen”.

Hacker können die Guten sein – oder auch Arschlöcher

Mit der neuen Erklär-Webseite wolle man einen Eindruck davon vermitteln, wozu Hacker in der Lage sind und was sie überall auf der Welt geleistet haben, schreiben Coleman und ihre Kollegen. So hätten sich Hacker für den freien Zugang zu Informationen stark gemacht und die technischen Mittel für die digitale Privatsphäre sowie das Whistleblowing geschaffen.

In der Öffentlichkeit sei das Hackerbild einerseits oft das der Ikone oder des Antihelden, wie in der TV-Serie “Mr. Robot”, heißt es von Coleman und ihren Kollegen. Auf der anderen Seite stehe diesem aber nur die “gesichtslose, vermummte kriminelle Bedrohung” gegenüber. Dieses Spektrum wolle “Hack_Curio” nun erweitern, wenngleich es natürlich auch Hacker gebe, die gegen zwielichtige Firmen vorgingen oder die Böses täten.

Auch auf der Website selbst wird betont, dass Hacker ganz verschiedene Leute seien. Jung oder alt. Männer, Frauen, nichtbinär. Nicht unsichtbar, immateriell, versteckt oder getarnt – außer natürlich, sie wollen genau das sein. Hacker sichern Systeme und brechen in sie ein, heißt es außerdem. Hacker seien witzig und erschreckend. Es gebe Hacker, die Gutes tun – und Hacker, die Arschlöcher sind.

Hacken sei aber nicht nur ein Potpourri an Menschen und Taten, das ist Coleman und ihrem Team noch wichtig, schließlich gebe es Hackertraditionen und -linien. Hacken, so schreiben die drei, sei “eins der wichtigsten Phänomene der globalen Kultur und Politik des späten 20. und des 21. Jahrhunderts” – also viel mehr als nur Männer mit Kapuzenpullis in zu dunklen Räumen.


Wenn Sie sofort mehr über Hacker und die Hackerkultur erfahren wollen, empfehlen wir außer einem Besuch auf “Hack_Curio” unseren “Endlich verständlich”-Erklärartikel zum Thema Hacker. Für den Leipziger Hackerkongress sind die Tickets derweil ausverkauft. Die wichtigsten Vorträge können Sie aber per Livestream anschauen. Außerdem wird der SPIEGEL aktuell aus Leipzig berichten.





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